Information der Uni Bern

Gentest für die vererbte Polyneuropathie beim Leonberger
Leonberger können unter einer erblichen neurologischen Erkrankung leiden, welche von Tierärzten und Züchtern häufig vererbte Polyneuropathie oder auch Leonberger Polyneuropathie (LPN) genannt wird. Betroffene Hunde leiden unter zunehmender Belastungsintoleranz und entwickeln typische Auffälligkeiten im Gang, besonders in den Hintergliedmassen. Darüber hinaus können betroffene Hunde Atemprobleme entwickeln und das Bellen kann sich verändern. Die Krankheit kann so weit fortschreiten, dass der Hund nicht mehr selbständig stehen kann.
Genetische Forschungsarbeiten an den Universitäten von Minnesota, Bern und Kalifornien deuten darauf hin, dass die Polyneuropathie eine Gruppe von genetisch unterschiedlichen jedoch klinisch sehr ähnlichen Krankheitsbildern darstellt. Wir konnten zwei wichtige genetische Risikofaktoren kartieren und für einen dieser beiden Risikofaktoren auch die ursächliche Mutation selbst aufklären. Hunde, die diese sogenannte LPN1 Mutation homozygot tragen (2 Kopien der Mutation) entwickeln normalerweise eine Polyneuropathie bevor sie drei Jahre alt werden. Im Moment wissen wir nicht, ob heterozygote Träger der Mutation (1 Kopie der Mutation) ebenfalls leichte klinische Symptome im hohen Alter entwickeln, aber mit grösster Wahrscheinlichkeit werden diese Tiere nicht die schwere Form der Krankheit entwickeln. Die identifizierte LPN1 Mutation ist für etwa ein Drittel der Polyneuropathiefälle beim Leonberger verantwortlich. Die anderen zwei Drittel der Fälle werden nach unseren Erkenntnissen durch weitere genetische Mutationen verursacht.
Die Universitäten von Minnesota und Bern werden einen Gentest für die LPN1 Mutation ab dem 1. Juli 2010 anbieten. Im Moment empfehlen wir, dass alle Hunde, die zur Zucht eingesetzt werden, getestet werden sollten. Wir empfehlen weiterhin, dass mit Hunden, die die LPN1 Mutation im homozygoten Zustand tragen, nicht gezüchtet werden sollte und dass Verpaarungen vermieden werden sollten, bei denen Nachkommen entstehen könnten, die die Mutation homozygot tragen. Wir empfehlen, dass heterozygote Träger der LPN1 Mutation nicht von der Zucht ausgeschlossen werden, da das die genetische Basis der Leonberger sehr stark einengen würde und zu einem Anstieg der anderen Krankheitsformen führen könnte. Heterozygote Träger der LPN1 Mutation sollten aber nur mit Hunden verpaart werden, die als frei von der LPN1 Mutation getestet wurden. Damit wird sichergestellt, dass keine Nachkommen geboren werden, die die Mutation homozygot tragen und die schwere Form der Krankheit entwickeln.
Die Einführung dieses Gentests wird die Polyneuropathie nicht völlig aus der Leonberger-Population eliminieren können. Der LPN1 Gentest erkennt nur einen von mehreren genetischen Risikofaktoren. Daher ist es möglich, dass Hunde mit einer anderen Form der Polyneuropathie sogar aus Verpaarungen von zwei LPN1-freien Hunden resultieren. Der LPN1 Gentest kann jedoch zuverlässig eine schwere Form der Polyneuropathie verhindern und die Gesamthäufigkeit von Polyneuropathie beim Leonberger deutlich senken.

Interpretation der LPN1 Gentestergebnisse
(Stand 1. Juli 2010)
Frei (Genotyp N/N): Ihr Hund ist frei von der LPN1-Mutation für Polyneuropathie. Das bedeutet, dass Ihr Hund zwei normale Kopien des untersuchten Gens hat, was manchmal auch als homozygot normal oder homozygot Wildtyp bezeichnet wird. Dieses Ergebnis schliesst jedoch nicht aus, dass Ihr Hund evtl. eine andere Form einer Polyneuropathie hat oder Träger für eine andere Polyneuropathie-Mutation ist.

Träger (Genotyp D/N): Ihr Hund hat ein normale Kopie sowie eine mutierte Kopie des untersuchten Gens, was auch als heterozygot bezeichnet wird. Nach unseren Untersuchungen sind aktuell etwa 25% aller Leonberger LPN1-Träger. Es ist möglich, dass LPN1-Träger leichte klinische Symptome einer Polyneuropathie etwa ab dem sechsten Lebensjahr entwickeln. Die LPN1-Träger bekommen aber nicht die schwer verlaufende Form der LPN1-homozygoten Hunde. Das Ergebnis schliesst nicht aus, dass Ihr Hund evtl. noch eine andere Form einer Polyneuropathie hat oder Träger für eine weitere Polyneuropathie-Mutation ist. Träger werden an etwa die Hälfte ihrer Nachkommen die mutierte Form des Gens weitergeben und an die andere Hälfte ihrer Nachkommen die normale Form des Gens.

Betroffen (Genotyp D/D): Ihr Hund hat zwei Kopien des mutierten Gens, was auch als homozygot betroffen oder LPN1-homozygot bezeichnet wird. Betroffene Hunde entwickeln eine schwere Form der Polyneuropathie, die normalerweise vor Vollendung des dritten Lebensjahrs sichtbar wird. Betroffene Hunde werden eine Kopie des mutierten Gens an alle ihre Nachkommen weitervererben.

Weitere Informationen
Wir untersuchen eine spezifische Sequenzveränderung in einem bestimmten Gen, die die LPN1-Polyneuropathie verursacht. Diese Untersuchung ist daher ein sogenannter direkter Gentest. Im Gegensatz dazu werden bei sogenannten indirekten Gentests oder Markertests DNA-Sequenzen untersucht, die nicht ursächlich für die zu testende Krankheit sind und die daher weniger genau als direkte Gentests sind.
Wir benutzen den Buchstaben D für die mutierte Form des LPN1 Gens und den Buchstaben N für die normale Form des LPN1 Gens. Jeder Hund bekommt eine Kopie dieses Gens von seiner Mutter und eine Kopie von seinem Vater. Die Kombination der N- oder D-Kopien eines Hundes wird als sein Genotyp bezeichnet.
Die drei möglichen Genotypen lauten dementsprechend N/N, D/N und D/D (siehe oben). Alle D/D Hunde entwickeln eine schwere Form der Polyneuropathie, die vor Vollendung des dritten Lebensjahrs sichtbar wird. Hunde mit dem N/N Genotyp entwickeln keine LPN1-Polyneuropathie, können aber unter Umständen von anderen Formen der Polyneuropathie betroffen sein. Im Moment ist nicht klar, ob und in welcher Häufigkeit D/N Hunde an Polyneuropathie erkranken. Es ist möglich, dass ein Teil dieser Hunde eine leichte Form einer Polyneuropathie entwickelt, welche frühestens nach Vollendung des sechsten Lebensjahrs sichtbar wird.
Anders ausgedrückt kann aus Verpaarungen des Typs N/N x N/N oder N/N x D/N niemals ein betroffener Welpe geboren werden.
Wir raten davon ab, dass ausschliesslich N/N-Hunde für die Zucht eingesetzt werden. Träger können weiterhin zur Zucht eingesetzt werden, wenn sie mit homozygot freien Hunden verpaart werden. Ein radikaler Zuchtausschluss aller Träger zum jetzigen Zeitpunkt würde die ohnehin schmale genetische Basis der Leonberger zu stark einengen und könnte sehr leicht zu einer Häufung anderer Erbkrankheiten führen. Wertvolle D/N-Zuchttiere sollten momentan weiter eingesetzt werden und werden bei Verpaarung mit freien N/N-Tieren 50% freien Nachwuchs haben, aus welchem dann die Tiere mit den gewünschten Eigenschaften für folgende Generationen ausgewählt werden können.
Die Einführung dieses Gentests wird die Polyneuropathie nicht völlig aus der Leonberger-Population eliminieren können. Der LPN1-Gentest erkennt nur einen von mehreren genetischen Risikofaktoren. Daher ist es möglich, dass Hunde mit einer anderen Form der Polyneuropathie sogar aus Verpaarungen von zwei LPN1-freien Hunden resultieren. Der LPN1-Gentest kann jedoch zuverlässig eine schwere Form der Polyneuropathie verhindern und die Gesamthäufigkeit von Polyneuropathie beim Leonberger deutlich senken.